Kettwiger Zeitzeichen Nr. 3

Verlorene und bedrohte Schätze - Gebäudepersönlichkeiten in Kettwig

von Helmut Wißler

Anstelle von Monotonie und Gesichtslosigkeit, heutige Stadtbilder leider oft prägend, stiftet der Ortskern von Kettwig immer
noch Identität, obwohl durch den Abriss erhaltenswerter Gebäude in den 1970er und 1980er Jahren charakteristische
Bausubstanz unwiederbringlich verloren ging.

In einer Publikation der "Deutschen Stiftung Denkmalschutz" habe ich vor Jahren anstelle des Begriffs "Denkmal", das Wort "Fühlmal" gelesen. Fühlmale müssen keine Denkmale sein, aber sie lösen Bilder aus, die nur unsere Bilder sind:

Ich sehe noch genau das alte Ehepaar im "Klümmchen-Laden" vor mir. Der Laden lag dem Marktplatz gegenüber. Präzise und genau nach den Wünschen von uns Kindern wurden Bonbons einzeln in Tütchen gefüllt. Besonders beliebt waren die  als Himbeeren geformten und weiß bestäubten Bonbons. Später erinnere ich mich an einen Tabakwarenladen, der auch Annahme-
stelle einer Reinigung war. Hier habe ich als junger Mann meine weißen Berufskittel und Oberhemden abgegeben, die ich nicht nur gewaschen zurückerhalten habe, sondern auch so gestärkt, dass mir die Hemdkragen den Hals wund scheuerten.

Zwischen 1975 und 1977 wurde im Rahmen einer Neugestaltung von Schulstraße und Bürgermeister-Fiedler-Platz, die gesamte Häuserzeile gegenüber dem Markt, darunter die Gaststätte "Zum Treppchen" - abgerissen.

1982 musste das Krankenhaus in der Wilhelmstraße mit seiner markanten Fassade und dem schönen Eingangsportal einem nichtssagenden Neubau weichen.

Der Markplatz mit der verloren gegangenen Häuserzeile, Ansichtskarte ohne Datum, ca. 1955

Leg dich hin „Bangebüx“, sagte Schwester Hanna, gekleidet in ihrer Kaiserswerther-Diakonissentracht, während sie mich liebevoll über ihre runde Nickelbrille anlächelte, wenn ich als Kind Ende der 40er-Jahre den Raum mit den mir riesig erscheinenden Höhensonnen-Lampen im Kettwiger Krankenhaus betrat. Sie setzte mir eine dunkle Brille auf und stellte einen Wecker. In der Nachkriegszeit sollte Höhensonne helfen, bei Kindern Rachitis zu verhindern. Meine kindliche Furcht vor Krankenhäusern habe ich dank Schwester Hanna schnell verloren, inwieweit Höhensonne dazu beigetragen hat, dass ich gesund geblieben bin, kann ich nicht beurteilen.

 

Es fällt leichter, den Verlust derartiger „Fühlmale“ hinzunehmen, wenn Verbesserungen erreicht werden. Das ist in den genannten Beispielen jedoch nicht gelungen. Der Marktplatz verlor einen wesentlichen Teil seines Rahmens und nicht zuletzt deshalb, gehen drei Plätze heute konturlos ineinander über. Neben dem vorhandenen Marktplatz sind zusätzlich, durch den Abbruch der Häuserzeile, der kleine Platz um den Märchenbrunnen und der Rathausplatz entstanden. Durch den Abriss des Krankenhauses hat die Wilhelmstraße ihren straßenbildprägenden Schwerpunkt verloren, der historische Kontext mit den noch vorhandenen Arzthäusern ist nicht mehr erkennbar.

Das Portal des ehemaligen Kranken-hauses, Foto KMGF, nach 1950

Derartige Fehlentwicklungen wurden 1992 unterbunden. Das Erscheinungsbild des Ortskerns, einschließlich des Friedhofs an der Brederbachstraße und der historischen Brücke über den Mühlengraben, wurde in einem definierten Rahmen, als Denkmalbereich festgelegt. Das hat u.a. dazu geführt, dass die Turmspitze, die Turmuhr und die Sandsteinfassade des alten Rathauses aufwendig restauriert wurden. Ebenfalls wurden die verschieferten, ehemaligen Weberhäuser in der Kringsgat entweder erhalten oder rekonstruiert, so dass der Gesamteindruck der Straße erhalten geblieben ist. Unabhängig davon, wurden bereits früher einzelne Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Über den Ortskern hinaus gibt es aber weitere Bauwerke, die nicht unter Denkmalschutz stehen, die aber für die Ortsgeschichte von herausragender Bedeutung sind.

 

Robert Welzel stellt in seinem kürzlich erschienen Buch „Essener Streifzüge, Aufbruch zum Jugendstil“ das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Sanatoriums „Jungborn“ vor und das in Nähe des Sanotoriums gelegene ehemalige Parkhotel, aus dem später das „Résidence“ wurde.

Parkhotel am Jungborn, heute Résidence, Ansichtskarte von 1911

Das Verwaltungsgebäude des Stadtwald-Sanatoriums Jungborn, Ansichtskarte ohne Datum, ca. 1930

Das „Résidence“ wird zurzeit abgebrochen, auf die geplante Neubebauung des Grundstücks einzugehen, würde über den Rahmen dieses Artikels hinausgehen. Die lokale Presse hat hinreichend informiert. Das Verwaltungsgebäude des Sanotoriums ist zum Glück noch erhalten.

 

Ein Gebäude, an dem in besonderem Maße deutlich wird, dass Architekturgeschichte nicht nur Baustilkunde ist, sondern immer auch Sozialgeschichte, zeigt das Haus „Am Bögelsknappen 1“.

Viele Kettwiger werden das Haus noch als Säuglings- und Kleinkinderkrankenhaus kennen, aber nur wenige werden sich noch an Erzählungen über die „Stadthallen zum Luftigen“ erinnern.

 

Im folgenden Text wird die wechselvolle Geschichte dieses Anwesens kurz zusammengefasst:

 

Der Berg, an dessen Fuß das jetzige Gebäude steht, heißt Bögel. Das Grundstück gehörte ursprünglich zum Kotten der Familie Knappen. Der Überlieferung nach entstand aus der Zusammenziehung der Namen Bögel und Knappen der Straßenname Bögelsknappen. Bereits ab 1838 wurde auf dem Kotten eine Schankwirtschaft und Bäckerei betrieben.

Stadthalle am Luftigen, heute am Bögelsknappen 1,
Ansichtskarte von 1912

Stadthallen zum Luftigen, Ansichtskarte ohne Datum, Poststempel von 1902

Werbeanzeige, Archiv KMGF

Um 1853 übernahm Wilhelm Oberloskamp das Anwesen und nannte es wegen der Höhenlage „Zum Luftigen“. Oberloskamp errichtete eine große Halle, Tonhalle genannt, und baute das Lokal zu einer weitbekannten und beliebten Sommergaststätte aus, die nicht nur den Kettwigern ans Herz gewachsen war.

 

1897 erwirbt Hermann Breuer die gesamte Anlage, die er 1901 an die Stadt Kettwig veräußerte. Aus der Tonhalle wurde die Stadthalle.

 

Aus den zum Haus gehörenden Ländereien in einer Größe von 19 Morgen wurde ein öffentlicher Park. Noch heute sind Teile des Baumbestandes erhalten.

1905 errichtete die Stadt Kettwig das jetzige Hauptgebäude „Am Bögelsknappen“ 1! Sowohl die alten Stadthallen als auch das Gebäude von 1905 wurden Mittelpunkt der bügerlichen Gesellschaft in Kettwig. Turner übten in den Räumlichkeiten, bevor es im Ort andere Möglichkeiten gab, Sänger hielten hier ihre Übungsabende ab, die Kriegervereine und der literarische Verein trafen sich in der Stadthalle. Die Lehrer des Ortes berieten in der Stadthalle über das Wohl und Wehe der ihnen anvertrauten Jugend.

 

1916 wurde der Restaurationsbetrieb eingestellt. Bis 1918 wurden sogenannte Notwohnungen eingerichtet; vor allem wurde der große Saal zur Hälfte in viele kleine Kämmerchen unterteilt.

Stadthalle am Luftigen, Gesamtansicht mit Weinzimmer, Ansichtskarte ohne Datum, Poststempel von 1909

Säuglings- und Kleinkinderkrankenhaus, Gesamtansicht, Ansichtskarte ohne Datum, nach 1921

Säuglings- und Kleinkinderkrankenhaus, Sonnenterrasse, Ansichtskarte ohne Datum, nach 1921

1919 wurde die Stadthalle an den Landkreis Essen verkauft und 1921 zu einem Säuglings- und Kleinkinderkrankenhaus umgebaut. Eine „Schule zur Ausbildung von Säuglingspflegerinnen“ wurde eingerichtet. Während der „deutschen Inflation“ gab der Landkreis Essen sogenannte Notgeldscheine heraus. Das Gebäude war auch damals bereits derart markant, dass es auf allen Geldscheinen des Landkreises, entweder auf der Vorder- oder auf der Rückseite abgebildet wurde.

Nach Auflösung des Landkreises Essen gehörte Kettwig ab 1929 zum Landkreis Düsseldorf-Mettmann, der die Einrichtung weiter betrieb und 1950 eine Kinderschwesternschule einrichtete.

 

1970 wude das Krankenhaus geschlossen. Am 1.1.1975 wird im Zuge der kommunalen Neuordnung Kettwig ein Stadtteil von Essen. Eigentümer des Anwesens wird die Stadt Essen.

 

Bis 1998 befand sich im Erdgeschoss eine Kinderarztpraxis. Die Musikschule Kettwig nutzte bis 1995 die erste Etage. 1981 vermietete die Stadt Essen die übrigen Räumlichkeiten an den Architekten Prof. Dipl. Ing. Werner Ruhnau, der die Räume zu Wohnungen und Büros, einschließlich eines Architekturmuseums, umgestaltete. 1995 erwirbt Prof. Ruhnau das Anwesen von der Stadt Essen. Seit 2015, nach dem Tod von Herrn Prof. Ruhnau, sind seine Erben Eigentümer des Grundbesitzes.

 

Der „Historische Pfad Kettwig“, eingerichtet vom „Heimat- und Verkehrsverein Kettwig“, hat das Anwesen auf Tafel 19 gewürdigt. Skulpturen des „Kettwiger Skulpturenparks“, ebenfalls ein Projekt des HVV, befinden sich ebenfalls auf dem Grundstück: Das „Nashorn“ des Künstlers Johannes Brus und „MenschenZeichen mit Gelsenkirchener Blau“ des Künstlers Norbert Pielsticker.

 

Das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Sanatoriums „Jungborn“ und das Gebäude am Bögelsknappen 1 sind für die Ortsgeschichte von hoher Bedeutung. Sowohl küntlerische wie auch städtebauliche Gründe sprechen ebenfalls für den Erhalt. Wir sollten aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und nicht auch noch die letzten „Fühlmale“ vernichten. Architektonischer Einheitsbrei macht Identifikation unmöglich. Kettwig ist nicht zuletzt wegen der Unverwechselbarkeit seiner historischen Bausubstanz ein liebenswerter Wohnort.

Vorderseite eines Inflationsgeldscheins des Landkreises Essen von 1923, Serie A

Rückseite eines Inflationsgeldscheins des Landkreises Essen von 1923, ab Serie B

Quellen und Bildnachweis

Kettwiger Museums- und Geschichtsfreunde    Voss, Günter     
 
Welzel, Robert
KMGF

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Chronik der Stadt Kettwig

Gastronomie in Kettwig gestern & heute, Ergänzungen, Eigenverlag, 2012, Essen-Kettwig
Essener Streifzüge, Aufbruch zum Jugendstil, Klartext Verlag, Essen 2018

Foto und Beleg der Kettwiger Museums- und Geschichtsfreunde
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