Kettwiger Zeitzeichen Nr. 1

Die Kirchturmuhr an der Evangelischen Kirche am Markt

von Helmut Wißler

„Beim letzten Ton des Zeitzeichens war es 13.00 Uhr. Hier ist der Nordwestdeutsche Rundfunk, Sie hören Nachrichten.“ 

 

Meine ersten Erinnerungen an Zeitzeichen fallen in die Zeit, als ich noch Anfang der 1950er-Jahre neben meinem Großvater in der Wohnküche saß und die unverwechselbare Stimme des Nachrichtensprechers aus dem Radio drang. Akustische Zeitzeichen hatten damals den Sinn, die meist nicht besonders genau laufenden mechanischen Uhren präzise einzustellen. Zeit, die scheinbar vergeht wie Sand zwischen den Fingern, ist für uns durch Uhren und akustische Signale sichtbar und hörbar geworden.

 

Das war nicht immer so. Zeitmessgeräte, z.B. Sonnen- und Wasseruhren hat es zwar bereits weit vor unserer Zeitrechnung gegeben, aber die meisten Menschen im Früh- und Hochmittelalter kannten in unserer Gegend keine Uhr. Die Zeit wurde durch den Rhythmus der Jahreszeiten, durch Mondphasen und durch Sonnenaufgang und Sonnenuntergang vorgegeben. „Nach dem ersten Hahnenschrei“, „wenn die Sonne am höchsten steht“ oder „nach Einbruch der Dunkelheit“ war ausreichend genau in einer bäuerlichen Gesellschaft.

Jedoch war das Läuten von Kirchenglocken ein wesentliches Kommunikationsmittel in dieser Zeit. Die Redewendung: „Ich habe etwas läuten hören“ hat da ihren Ursprung.

 

Glocken riefen zu bestimmten Zeiten zum Gebet, sie verkündeten Taufen, Hochzeiten und Bestattungen, sie warnten vor Gefahren und verkündeten den Frieden. Glockenläuten war das Radio des Mittelalters.

 

Urkundlich erwähnt wird St. Petrus, die „Kirche von Kettwich“ erstmals 1250. Die „parochia Katwie“, die Pfarrei Kettwig, wurde bereits 1199 erstmals benannt. Glocken gehörten zu jeder Pfarrkirche. Die ersten Glocken wurden vermutlich, wie es zu der Zeit üblich war, an Ort und Stelle aus Bronze gegossen und in den Glockenturm hochgezogen, der dann fertiggestellt wurde.

 

1384 wurde dem Kirchendiener der Pfarrkirche St. Petrus in Kettwig, der die Glocken durch Ziehen von Seilen läuten musste, im Rahmen einer Stiftung zum Totengedenken, ein Huhn zugesagt.

 

Der Turm der Kirche St. Petrus, der heutigen „Kirche am Markt“, ist also seit Jahrhunderten auch Glockenturm. Das heutige Kirchenschiff wurde 1720 neu errichtet. Über die Vorgängergebäude ist wenig bekannt.

 

Ab dem 14. Jahrhundert stieg in den bedeutenden Städten Europas die Zahl von Händlern, Handwerkern und Manufakturen an. Es entstand  das Bedürfnis nach kleineren Zeiteinheiten, die mechanische Uhr wurde erfunden. Öffentliche Uhren, oftmals an Kirchtürmen angebracht, strukturierten nun den Alltag. Diese  öffentlichen Uhren verkündeten die volle Stunde zunächst durch Glockenschläge. Lediglich ein Zeiger, der Stundenzeiger, machte die Zeit sichtbar. Da der Großteil der Bevölkerung keine Uhr besaß, war die Zeitangabe der Turmuhr für alle verbindlich. Uhren im Privatbesitz waren die Ausnahme, nur der Adel und das gehobene Bürgertum konnten sich die teuren Kunstwerke leisten.

 

Ein Uhrwerk war in der „Kirche am Markt“ bereits 1643 vorhanden. Bei der auch heute noch außen am Turm angebrachten Stundenglocke handelt es sich um einen bedeutenden Renaissanceguss aus dem Jahr 1562. Sollte diese Glocke immer Stundenglocke und nicht ursprünglich Bestandteil des Geläutes gewesen sein, hat es ein Uhrwerk bereits 1562 gegeben. Die Inschrift der Glocke weist eindeutig auf Kettwiger Ursprung hin.

 

1749 baute der Kettwiger Uhrmacher Henricus Schmalt ein neues Uhrwerk in den Turm ein. Auch in Kettwig hatte die Turmuhr anfangs lediglich einen Stundenzeiger und eine Stundenglocke. Die Zeitangabe der Kirchturmuhr war für den ganzen Ort verbindlich. Die Kettwiger Marktordnung regelt noch 1886, dass die Uhr der evangelischen Kirche das Zeichen zum Anfang und Ende des Marktes gibt.

 

Ein Artikel aus der Kettwiger Zeitung vom 19.12.1903, in dem eine neue Kirchenuhr für unsere evangelische Kirche am Markt beschrieben wird, zeigt uns, dass wir Kettwiger gut abwarten können, bis sich eine Neuerung wirklich durchgesetzt hat:

 

Die Uhr hat vier große Zifferblätter und Stunden- und Minutenzeiger, während die alte Uhr nur drei Zifferblätter und nur Stundenzeiger hatte. Dass die zur Aufnahme der Zifferblätter dienenden neuen Ausbauten zur Verschönerung des Turmes dienen, können wir leider nicht zugeben. Hoffentlich söhnt uns die genaue Zeitangabe der neuen Uhr mit dem minder schönen Anblick aus; sie wird mitteleuropäische Zeit anzeigen, wodurch das Kuriosum des Unterschiedes von 5 Minuten zwischen Stadt- und Bahnzeit aufgehoben ist.

 

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren mechanische Turmuhren bereits so genau, dass es sinnvoll war, sie auch mit einem Minutenzeiger auszustatten.

In Kettwig wurde erst 1903 die Kirchturmuhr mit einem Minutenzeiger und, was aus dem Zeitungsartikel nicht hervorgeht, auch mit einer Viertelstundenglocke ausgestattet. Die bereits erwähnte Stundenglocke wurde weiterhin eingesetzt. Die Dachausbauten der Turmhaube zur Aufnahme der vier Zifferblätter sind ebenfalls 1903 entstanden.

 

Der Ausbau von 1903 hat sich bis heute erhalten. Die Turmuhr von 1903 ist noch vorhanden und befindet sich im Kirchturm, sie wird jedoch nicht mehr genutzt. Die ursprünglichen Zifferblätter wurden im Zuge der letzten Kirchenrenovierung 2006 ersetzt. Das 1749 oberhalb der Orgelaufbauten angebrachte Zifferblatt der Innenanzeige der Turmuhr, befindet sich heute leider im Essener Rathaus.

 

Da die jetzige gusseiserne Viertelstundenglocke 1918 gegossen wurde, müssen wir davon ausgehen, dass die ursprüngliche Glocke von 1903, ebenfalls wie das Geläut, im Rahmen des sogenannten Glockenopfers (Sicherstellung von Kriegsbedarf), 1917 eingeschmolzen wurde. Explizit erwähnt wird in dem Zusammenhang die Viertelstundenglocke jedoch nicht.

 

Kurios erscheint der Hinweis in dem Zeitungsartikel von 1903, dass es in Kettwig offensichtlich noch einen Unterschied zwischen der landesweit gültigen Bahnzeit und der lokalen Ortszeit gab. Die Ortszeit richtete   sich nach dem örtlichen Sonnenstand. Bereits seit dem 12. März 1893 gab es ein Gesetz bezüglich der Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung. Offensichtlich konnte oder wollte man in Kettwig die Turmuhr nicht um 5 Minuten anpassen.

 

Trotz der vielen Möglichkeiten heute die Zeit zu messen und obwohl oftmals heute Glockenläuten als Lärmbelästigung wahrgenommen wird, freue ich mich, wenn ich die vertrauten Glocken höre, denn dann bin ich zu Hause. Seit einigen Jahren kann ich nur noch mit dem rechten Ohr hören. Anfangs habe ich mich vor dem Einschlafen auf die rechte Seite gelegt. So, in völliger Stille, dachte ich schnell einzuschlafen. Es ging nicht. Mir fehlten die vertrauten Geräusche.

Innenzifferblatt von 1749, ursprünglich auch nur mit einem Zeiger ausgestattet

Foto: A. Rahmann, 2013

Ausschnitt aus einem Panoramabild von Fritz Rohleff, um 1860

aus Brüggemann, 1910                                                                    

Auf beiden Fotos ist zu erkennen, dass nur eine Außenglocke angebracht war und zwar an der Stelle, also oben, an der heute die Viertelstundenglocke hängt.

Ebenfalls lassen sich die in die Turmhaube eingelassenen Zifferblätter der Turmuhr vor 1903 auf den Fotos erkennen. Die dem Dorf zugewandte Seite des Turms hatte kein Zifferblatt.

Auf dem bekannten Stich von Thelott von 1812 sind die Zifferblätter auch gut zu erkennen.

Merkwürdigerweise stellt Thelott jedoch das Kirchenschiff der Vorgängerkirche dar. 1720 wurde ein neues Kirchenschiff errichtet, erkennbar an dem bis an den Turmhelm reichenden Dachfirst. Thelott wurde 1760 geboren, er kann also die Kirche vor 1720 nicht selbst gesehen haben. Entweder lagen ihm Zeichnungen der alten Kirche vor oder er hat seinem persönlichen Stilempfinden nachgegeben. Die Darstellung des Zifferblattes scheint aber realistisch zu sein.

Foto: H. Münker, um 1980                                                                 

Die Turmuhr von 1903 ist von der Firma Eduard Korfhage & Söhne in Buer bei Osnabrück bezogen worden (Firmenschild auf der Uhr).

Ansichtskarte  von 1907 (Archiv Wißler)

 

Die Ansichtskarte von 1907 zeigt den Turm so, wie wir ihn heute kennen. An der Außenseite des Turms sind die Stundenglocke (unten) und die Viertelstundenglocke (oben) angebracht.

Quellen

Blettgen, Hans-Hermann  Textzusammenstellung, 1999

Brüggemann, Adolf             Geschichte der evangelischen Gemeinde Kettwig, 1910, Flothmann, Kettwig

Hermann, Sonja                    Die Inschriften der Stadt Essen, 2011, Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden

Schwarz, Brigide                    Die Pfarrkirche in Mintard, aus Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim a. d. Ruhr,

                                                   Heft 92/107

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