Kettwiger BildGeschichten

Kaiserstraße 1922 - Blick aus Richtung Corneliusstraße

Originalfoto von 1922 des Postkartenverlags Trinks & Co. GmbH, Leipzig, Archiv des Verfassers

 

 

Das Foto von 1922 wirkt fremd und zugleich vertraut. Vertraut, weil sich der enge Straßenraum und die gebogene Straßenführung in der Kaiserstraße bis heute erhalten haben und die Häuser auf der linken Straßenseite nahezu unverändert sind. Fremd, weil alle abgebildeten Häuser auf der rechten Seite einer Neubebauung weichen mussten.

 

Unser Blick ist auf die Straße und auf die alten Fachwerkhäuser gerichtet. Die Personen auf dem Foto posieren nicht, es sollte ein Bild aus dem alltäglichen Leben entstehen. Die Aufforderung des Fotografen: „verhaltet euch ganz normal“ war nur zum Teil erfolgreich. Das Mädchen und die Frau am offenen Fenster wirken in ihrer Unterhaltung natürlich. Jedoch der kleine Junge rechts gegenüber, hat sich verlegen am Finger nuckelnd, in die Geborgenheit des Hauseinganges zurückgezogen. Eine Hausecke weiter, auf der linken Seite, erkennen wir eine Frau, die verunsichert einen Schritt zurück gegangen ist, aber trotzdem „ein Auge riskiert“.

 

1922 befand sich die Weimarer Republik in schwierigen Zeiten. Die Bevölkerung litt unter den unmittelbaren Folgen des 1. Weltkriegs. Frauen hatten ihre Männer verloren, Kinder ihre Väter. Es gab nur wenige Familien, die keine Kriegsversehrten oder Toten zu beklagen hatten. Die ungeheuren Kosten des Krieges und die Reparationszahlungen an die Siegermächte führten in eine Inflation. Die Mehrheit der Bevölkerung stürzte in heute unvorstellbare Armut. Der Arbeitslohn zerrann den Menschen zwischen den Händen, sie hungerten. Geldvermögen ging verloren.

 

Vielleicht wollte der Fotograf mit der Motivauswahl an „gute alte Zeiten“ erinnern, die unwiederbringlich verloren schienen. Bessere Zeiten kamen aber nicht. Wenn der Junge auf dem Foto 1939 das Erwachsenenalter erreicht haben sollte, die Kindersterblichkeit war um 1920 hoch, mußte er als Soldat in den 2. Weltkrieg ziehen. Nach Kriegsende und eventuell langjähriger Kriegsgefangenschaft nach Hause kommend, warteten auf ihn die gleichen Entbehrungen, die er bereits als Kind erleben mußte.

 

Die Kaiserstraße war ursprünglich Teil einer sogenannten „Altstraße“, also eines überregionalen, historischen Weges, der in Essen vom Hellweg abzweigte und über die Meisenburg zum Hohlweg „Alte Straße“ (heute Oberlehberg) führte. Entlang der jetzigen Brederbachstraße ging der Weg weiter durch die Kaiserstraße und den Meistersweg. Über einen mit Knüppeln befestigten Weg (westliche Ruhrstraße) gelangte man zum Ruhrübergang. Weiter ging es dann über Ratingen in Richtung Rhein nach Düsseldorf, ursprünglich in die bedeutenderen Siedlungen Angermund, Suitbertuswerth (später Kaiserswerth) und Gerresheim. Diesen Weg dürfen wir uns nicht als einen feststehenden Weg vorstellen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Wegführung immer wieder verändert. Auch innerhalb von Kettwig war die Verkehrsführung, weit vor 1920, bereits anders geregelt.

 

Historisch korrekt wurde die Kaiserstraße ursprünglich Kaisergasse genannt. Innerhalb mittelalterlicher Orte kannte man nur Gassen. Straßen nannte man die Verbindungen von Ort zu Ort. In einer Gasse zu wohnen, war aber immer mal wieder einigen Bewohnern nicht fein genug, so dass in der Geschichte der Kaiserstraße mehrfach zwischen Gasse und Straße gewechselt wurde. Der Ursprung des Namens ist nicht bekannt. Vielleicht wohnte schlicht und einfach eine Familie Kaiser in der Gasse, oder es war tatsächlich ein Kaiser namensgebend, wie 1798 der Landrichter in Werden, Peter Franz Joseph Müller geschrieben hat:

 

„Als der Hof noch wandelbar ware, genoß die Abtey oft die Ehre, den Kaiser zu bewirten. Die Königsstrasse gieng über die Brücke zu Kettwig durch das Stift (Essen) nach Sachsen. Daher heißt noch wirklich eine Strasse in Kettwig: die Kaisergasse.“

 

Das Reisekönigtum war die seit der fränkischen Zeit bis in das Spätmittelalter hinein übliche Form der Herrschaftsausübung durch König oder Kaiser. Sie regierten nicht von einer Hauptstadt aus, sondern reisten mit Familie und Hofstaat durch das Reich. Das Werdener Kloster war verpflichtet, den König oder Kaiser auf Reisen zu beherbergen und auch zu beköstigen. Steele wurde schon 938 erstmals erwähnt, als Kaiser Otto I. dort seinen Hoftag abhielt. Tagesgenau belegt ist die Reise des Kaisers Karl IV., die am 25.11.1377 über Essen und Ratingen weiter nach Jülich und Aachen führte und in Paris endete. Wer damals von Essen nach Ratingen unterwegs war, nutzte üblicherweise den Weg über die Brücke in Kettwig. Wegen einer Gicht und seines Alters war Karl IV. nicht in der Lage auf dem Pferd zu sitzen, deshalb wurde er in einer zwischen zwei Pferden hängenden Sänfte getragen. Der gesamte Tross und der Kaiser in einer Sänfte, das muß ein beeindruckendes Bild gewesen sein.

 

Die älteste noch heute erhaltene Bausubstanz in der Kaiserstraße entstand im 16. Jahrhundert. Die Häuser wurden nicht mit ihrer Straßenseite an dem gekrümmten Weg, sondern parallel zueinander ausgerichtet. So entstanden versetzte Häuserfronten und dreieckige Freiflächen vor den Häusern. Durch diese Bauweise wurde eine zusätzliche Fensterseite und oft auch Türseite in Straßenrichtung gewonnen. So kam mehr Tageslicht ins Haus und, wie uns die Frau am Fenster zeigt, man hatte die Straße im Blick.

 

Sie schaut aus dem Fenster eines Hauses, dessen Kernbau eventuell im 16. Jahrhundert entstanden ist. Im 18. Jahrhundert wurde das Haus erhöht und erhielt rückwärtig einen Fachwerkanbau mit Kellergewölbe. 1803 wohnten ein Schumacher, ein Zimmermann und zwei Tuchweber mit ihren Familien in dem Haus, insgesamt lebten 15 Personen unter einem Dach.

 

Das dahinter liegende, vorspringende Haus hatte im 16. Jahrhundert einen zweiräumigen Grundriß von ca. 30 qm, der als Kernbau in dem später erweiterten Gebäude noch erhalten ist. Das vor 1550 enstandene Kellergewölbe gehört zu den ältesten in Kettwig.1803 lebten ein Tuchmacher und ein Tuchweber mit ihren Familien in dem erweiterten Haus.

 

Im Hintergrund, in der Straßenbiegung zur Hauptstraße, erkennen wir das damals eingeschossige, heute überbaute, ehemalige Schlachthaus der Metzgerei Jäckle. Nach 1821 errichtet, diente es ursprünglich als Talgschmelze und Kerzenfabrik.

 

Die Häuser Nr. 22 bis 30, also alle Häuser auf der rechten Seite des Fotos und ihre meist gewerblich genutzten Hinterhäuser, wurden in einem längeren Zeitraum abgerissen (vor 1939 bis 1956). Der Kriegsausbruch verzögerte die geplanten Neubaumaßnahmen. Da wesentliche Daten der Kettwiger Altstadthäuser erst 1992 (1) ermittelt wurden, ist über die abgerissenen Häuser nicht viel bekannt.

 

In dem Haus mit den nach außen aufgeklappten Fensterflügeln wohnte und arbeitete 1803 ein Essigbrauer mit seiner Familie. Nach der Kataster-Uraufnahme besaß seine Witwe 1821 alle Flurstücke an der rechten Straßenseite. Die nach außen zu öffnenden Fenster sind auffallend. In unserer Gegend war es nicht üblich, Fensterflügel nach außen aufzuschlagen. Die Enge in den oberen Räumen wird zu dieser Lösung geführt haben.

 

Gewerblich genutzt wurde ursprünglich auch das Haus mit dem „Zwerchhaus“ (Dachausbau mit Quergiebel) und dem herausragenden Tragbaum, an dem früher eine Rolle hing, so dass über ein Seil Lasten befördert werden konnten. Der Dachboden diente als Speicher. Bekannter ist das Gebäude jedoch als erstes „Kettwiger Rathaus“ geworden. Bürgermeister J. W. Kron übte die Amtsgeschäfte in diesem Haus aus. Kron war von 1844 bis 1858 Bürgermeister in Kettwig und wohnte in der Kaiserstraße. Ob Kron auch in dem „Rathaus“ wohnte oder unmittelbar daneben, wird nach aktueller Quellenlage widersprüchlich dargestellt. Es ist auch nicht bekannt, in welchem Zeitraum Kron die Amtsgeschäfte im „Rathaus“ führte. Das Haus wird 1769 erbaut worden sein, weil diese Jahreszahl in einem Balken des Gebäudes eingelassen wurde. (2)

 

Nach dem 2. Weltkrieg herrschte große Wohnungsnot. Das bereits in den 1930er Jahren geplante Bauvorhaben wurde deshalb zwischen 1951 und 1957 vom „Gemeinnützigen Bauverein Kettwig“ mit staatlicher Unterstützung umgesetzt. Es entstand die jetzige Häuserzeile. Die neuen Häuser wurden hinter die alte Straßenführung gesetzt, so dass ein kleiner Platz entstand. Obwohl der Stadtbaumeisters Karl Pflitsch es mit viel Einfühlungsvermögen verstanden hat, die Proportionen der Vorgängergebäude durch versetzte Fronten, Giebelvorsprünge und sogar Farbgebung nachvollziehbar zu gestalten, ist der Verlust der historischen Gebäude aus heutiger Sicht zu bedauern.

 

April 2020                                 Helmut Wißler

 

(1) Biecker, Nelles, Popke, Analyse der historischen Stadtgestalt, Kettwig, 1992

(2) Scharrenberg in KiGuS, Band 3

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